FAZ 10.03.2026
11:45 Uhr

Bald kein „Playa y Sol“ mehr?: Spanien verzeichnet die ersten Klimaflüchtlinge


In Andalusien verschlingen Wellen eine komplette Küstenpromenade. In Katalonien ist der Zugverkehr gefährdet. Und überall schwinden die Strände. Der Klimawandel am Mittelmeer lässt sich nur noch mit Milliardeninvestitionen stoppen.

Bald kein „Playa y Sol“ mehr?: Spanien verzeichnet die ersten Klimaflüchtlinge

Die alte Geschützstellung stemmt sich den Wellen entgegen. Doch selbst der Betonbunker aus dem spanischen Bürgerkrieg kann nicht verhindern, dass die Gischt in Premià de Mar bis auf die Gleise dahinter spritzt. Das Mittelmeer nagt an der katalanischen Maresme-Küste und kommt der Eisenbahnstrecke immer näher. In der Regionalbahn an die Costa Brava fühlt man sich schon kurz hinter Barcelona wie auf einem Schiff. Die Linie R1 verläuft auf einem Damm, unmittelbar am Ufer. Darunter fressen die Fluten den schmalen Sandstrand auf. In diesem Winter haben heftige Stürme den Mittelmeerküsten so arg zugesetzt wie selten zuvor – nicht nur in Spanien. Am südlichen Ufer gingen in Tunesien und Algerien die heftigsten Niederschläge seit mehr als einem halben Jahrhundert nieder. Küstenorte standen meterhoch unter Wasser. Auch die spanische und marokkanische Atlantikküste waren betroffen. Im Nordwesten Marokkos mussten mehr als 100.000 Einwohner vor den Fluten in Sicherheit gebracht werden. An den Küsten leben viele Menschen bisher gut von den Häfen, dem Meer und besonders von „Playa y Sol“. So heißt das wirtschaftliche Erfolgsrezept Spaniens: Strand und Sonne werden in diesem Jahr wohl zum ersten Mal hundert Millionen Urlauber in das südeuropäische Land locken. Aber immer häufiger sehen sich die Küstenbewohner an vorderster Front mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert. Das hat auch Folgen für ihre Gäste. „Es wird jedes Jahr schlimmer“ „Es wird jedes Jahr schlimmer“, sagt ein Arbeiter, der bei Premià de Mar eine von der Wucht der Wellen umgekippte Betonbank auf einen Lastwagen hievt. Auf dem Uferweg klaffen große Löcher. Für den katalanischen Bautrupp ist es eine Sisyphusarbeit. Nach jedem Unwetter muss er neu ausrücken. „Stabilisierung der Strände“ verspricht auf einem großen Schild die spanische Regierung. Fünf Millionen Euro soll die „Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels“ an diesem kurzen Küstenabschnitt kosten. Experten schätzen jedoch, dass in ganz Spanien mehr als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (rund 1,7 Billionen Euro) für diese Mammutaufgabe nötig wäre. In Katalonien ist die Linie R1 zu einem Symbol für die neuen Herausforderungen geworden. Knapp 90 Kilometer ist die älteste Eisenbahnlinie Spaniens lang. Nach mehr als 170 Jahren steht ihre Zukunft infrage. Vor wenigen Wochen ließ ein Wolkenbruch wieder Felsen die Böschung herunterrollen, ein Zug entgleiste. Die Strecke wurde gesperrt. Mehr als 100.000 Fahrgäste, die den Zug jeden Tag nutzen, mussten auf Busse umsteigen. In Badalona, das an der Strecke an Barcelona grenzt, stand der konservative Bürgermeister Xavier García Albiol Ende Januar erschüttert vor einem Trümmerfeld: „Das war der schlimmste Sturm, der die Strandpromenade in der Geschichte der Stadt verwüstet hat.“ Besorgt zeigte er auf ein Fundament der Gleise dahinter, das die Wellen ebenfalls attackiert hatten. Albiol will die Promenade an gleicher Stelle wieder aufbauen. In Calafell, südwestlich von Barcelona, gab sich die Stadtverwaltung schon 2024 geschlagen. Sie riss einen Teil der Uferpromenade ab und verlegte sie weiter ins Landesinnere. Soll der Zugverkehr in einen Tunnel verlegt werden? Die Unwetter haben eine ähnliche Debatte über die Küstenbahn angefacht. „Die Eisenbahninfrastruktur in Katalonien wird die Auswirkungen des Klimawandels mit am stärksten zu spüren bekommen“, sagte der Staatssekretär im Madrider Verkehrsministerium, José Antonio Santano in einem Rundfunkinterview. Zuvor war an der Linie R4 westlich von Barcelona die von starken Regenfällen durchweichte Stützmauer einer Autobahn auf einen Regionalzug gestürzt; ein Lokführer kam ums Leben. Der Nahverkehr stand in der ganzen Region tagelang still, weil man immer mehr Gefahrenstellen fand. Schon 2024 hatte die EU davor gewarnt, dass Spanien ein „Hochrisikoland“ sei, das so viel wie kein anderes EU-Mitglied in sein Bahnnetz investieren müsse, um es vor Klimarisiken zu schützen. „Es ist sehr schwierig, aber es muss etwas getan werden“, sagte der Politiker und meinte damit die Forderung der katalanischen Geologenkammer, die die R1 in einen Tunnel verlegen will, der vom Meer weit genug entfernt liegt. Auf ihrem bisherigen Verlauf sei die Linie langfristig zum Verschwinden „verurteilt“, sagen die Geologen. Gegner des Vorschlags sprechen von einem unrealistischen „pharaonischen Projekt“. Es würde Jahrzehnte dauern und viele Milliarden Euro kosten. Sie empfehlen stattdessen, zusätzliche Schutzwälle und Wellenbrecher an der Küste zu errichten und die Trasse an einigen Stellen zu erhöhen. Strände und Dünen fehlen als natürliche Barrieren Ursprünglich war die Strecke 1848 direkt am Meer gebaut worden, um möglichst wenig Grundstücke enteignen zu müssen. Inzwischen ist das Hinterland vor den Hügeln mit Gewerbegebieten, Einkaufszentren und Ferienhäusern zugebaut. Gleich hinter dem Bahndamm verläuft eine stark befahrene Nationalstraße – Industrialisierung, Tourismus und der Bauboom an den Küsten führten in Spanien dazu, dass das Meer oft keine Auslaufflächen mehr hat. Es fehlen die Strände und Dünen als natürliche Barrieren gegen Überflutungen und Unwetter, die immer häufiger werden. Stürme spülen die Strände weg: 60 Prozent sind in Katalonien und im benachbarten Valencia betroffen. Das andalusische Umweltministerium warnt davor, dass in den nächsten 75 Jahren mehr als 30 Strände ganz verschwinden könnten. Im Januar hatte der Wintersturm Francis an der andalusischen Atlantikküste im Urlaubsort Matalascañas die Uferpromenade, Strandbars und Ferienhäuser zerstört, die buchstäblich auf Sand gebaut waren. „SOS, wir gehen unter“, stand auf Plakaten der Eigentümer in dem Ort, an den im Sommer mehr als 100.000 Touristen kommen. Die Zeit drängt. „Wir müssen so viel Infrastruktur wie möglich aus überschwemmungsgefährdeten Gebieten und den Küsten entfernen. In Katalonien befindet sich sensible Infrastruktur wie Entsalzungsanlagen und der wichtigste Flughafen dort“, sagt die Wasser- und Klimaexpertin Annelies Broekman vom Umweltforschungszentrum CREAF in Barcelona der F.A.Z. In diesem Winter regnete es so stark, dass viele Stauseen auf der Iberischen Halbinsel die Wassermassen kaum noch fassen können. Broekman macht sich Sorgen um die Dämme. „Zum größten Teil sind sie mehr als fünfzig Jahre alt und benötigen kostspielige Wartung und Sanierung.“ Das Grundwasser versalzt In Katalonien spielte das Wetter zuletzt verrückt. 2025 endete eine Dürreperiode, die gut vier Jahre gedauert hatte. „Alle Klimaprojektionen stimmen darin überein, dass es häufiger zu extremen Wetterbedingungen kommen wird. Das setzt ein ohnehin schon belastetes System unter Druck, das unter hoher Wassernachfrage leidet“, sagt Broekman. Auch die Winde veränderten sich, man beobachte häufiger Mittelmeer-Hurrikane („Medicane“), die an die Tropen erinnern. Häfen hätten mit einer anderen Wellendynamik zu kämpfen. Dazu komme der Anstieg des Meeresspiegels: „Der Großteil der Bevölkerung im Mittelmeerraum lebt an der Küste, aber er betrifft auch Binnengebiete, weil das Grundwasser versalzt“, sagt die Forscherin. All das lässt sich auch am südlichen Mittelmeerufer beobachten. Tunesien, Libyen und Algerien erholen sich erst langsam von den Verwüstungen, die der Wintersturm Harry im Januar hinterlassen hat – mancherorts mit den stärksten Niederschlägen seit 70 Jahren. Regenfluten hätten in kürzester Zeit ganze Straßenzüge in ihrem Wohnort Borj Louzir überschwemmt, berichtet die tunesische Umweltjournalistin Mabrouka Khedir der F.A.Z. In den dicht besiedelten Vororten von Tunis seien viele Flächen zugebaut, die Kanalisation veraltet, die Flussbetten hätten die Sturzfluten nicht bewältigen können, die zum Meer hinunterschossen. Dürre und heftige Unwetter wechseln sich ab Es gab Erdrutsche, Straßen wurden unterspült, Häuser beschädigt. Acht Menschen kamen ums Leben, die Einsatzkräfte waren hoffnungslos überfordert. Die Armee musste ausrücken. Wütende Bürger organisierten Solidaritätskonvois und beseitigten selbst die Trümmer an den Stränden. Besonders schlimm traf es den beliebten Ausflugsort Sidi Bou Saïd bei Tunis und Badeorte wie Hammamet. „Klimaextreme sind eine direkte Bedrohung für den Tourismus, der einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Tunesiens ist“, sagt Mabrouka Khedir. Ihre Medienplattform Cosmos Media ist auf Umweltthemen spezialisiert. Die Unwetter ließen die tunesischen Strände weiter schrumpfen. An ihnen macht sich der Anstieg des Meeresspiegels bemerkbar. Sie gehören zum Kapital des rohstoffarmen Landes wie seine Olivenbäume. Eine der längsten Trockenperioden in der Geschichte Tunesiens wurde so zwar erst mal beendet. Trotzdem bedeutet das keine Entwarnung. „Tunesien wird mit einer paradoxen Kombination aus lang anhaltenden Dürren und plötzlichen, zerstörerischen Niederschlagsereignissen konfrontiert sein“, befürchtet Khedir. Hinter der Küste sind zum ersten Mal die Stauseen seit ihrem Bau randvoll. Aber weiter südlich fiel deutlich weniger Niederschlag; dort sind die Trinkwasserspeicher nur zu rund einem Drittel gefüllt. Familien haben ihre Häuser endgültig verlassen Spätestens seit der Flutkatastrophe im libyschen Darna 2023 waren die Verantwortlichen in Nordafrika eigentlich gewarnt. Doch es geschah praktisch nichts. Mehr als 10.000 Menschen kamen damals ums Leben, als zwei marode Dämme oberhalb der Küstenstadt nach sintflutartigen Regenfällen geborsten waren. Im vergangenen Dezember ertranken in Marokko 37 Menschen bei Überschwemmungen. Mehr als 200 Tote waren auf der anderen Seite des Mittelmeers bei Valencia bei der verheerenden Regenflut 2024 zu beklagen. Dort fehlt bis heute ein Plan, wie sich solche Katastrophen künftig vermeiden lassen. Weiter nordöstlich, kurz vor dem Ebro-Delta, geben die ersten Spanier auf. In Alcanar verlassen zehn Familien endgültig ihre Häuser, die jahrelang von schweren Überschwemmungen heimgesucht worden waren. Sie sind Spaniens erste Klimaflüchtlinge.