FAZ 21.03.2026
09:54 Uhr

BASF-Chef Markus Kamieth: „Die Chancen auf profitables Wachstum in China sind groß“


BASF hat für neun Milliarden Euro ein neues Werk in Fernost gebaut. Jetzt wächst die chinesische Wirtschaft langsamer. Was sagt Konzernchef Markus Kamieth dazu?

BASF-Chef Markus Kamieth: „Die Chancen auf profitables Wachstum in China sind groß“

Herr Kamieth, kommende Woche eröffnen Sie ein neues BASF-Werk in China, es ist die größte Investition in der Konzerngeschichte. Dabei krankt die Chemiebranche schon jetzt an Überkapazitäten. Wozu dann überhaupt dieser große neue Standort? Diese Überkapazitäten gibt es, und es gibt sie derzeit auch in China. Gleichzeitig wächst dort aber auch die Nachfrage nach chemischen Produkten, und zwar derzeit fast nur in China und nirgendwo sonst auf der Welt. Wir rechnen damit, dass in den nächsten zehn Jahren mindestens zwei Drittel des globalen Wachstums unserer Branche auf China entfallen. Daran wollen wir teilhaben. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass sich unser neuer Standort in Zhanjiang in den nächsten zehn, zwanzig Jahren für die BASF bezahlt machen wird. Mein Eindruck ist: Unglücklichere Umstände für die Eröffnungsfeier am kommenden Donnerstag hätten Sie sich kaum vorstellen können. Ich will nichts beschönigen: Wir starten in einem überversorgten Markt, in dem die Preise und Margen auf einem historisch niedrigen Niveau liegen. Die Profitabilität wird in den ersten Jahren daher deutlich unter dem sein, was wir uns ursprünglich vorgestellt hatten. Aber bis zum Ende dieses Jahrzehnts werden sich Angebot und Nachfrage ausbalanciert haben, und dann werden wir auch unsere Ziele erreichen. Lassen Sie mich unsere Investition, so beeindruckend sie ist, in die richtige Perspektive setzen: Das Herz des neuen Standorts ist der sogenannte Steamcracker, der die chemischen Grundbausteine für viele weiteren Verarbeitungsschritte liefert; Chinas Wachstum erfordert alle neun Monate eine zusätzliche Anlage dieser Art. Wie lange gilt das noch, falls der Irankrieg andauert, der die Versorgung von Chinas Industrie mit Energie und Vorprodukten schwierig macht? Aus heutiger Sicht schwer zu sagen. Wir beobachten die Situation genau und wünschen uns natürlich, dass sie sich bald beruhigt. Wie sehr belasten der Krieg und die Blockade der Straße von Hormus bisher den BASF-Konzern? Aktuell sind die Auswirkungen noch überschaubar. Die Straße von Hormus stellt für uns derzeit keinen unmittelbaren Engpass für Rohstoffe oder den weltweiten Produktvertrieb dar. Hier hilft uns unsere globale Aufstellung. Aber wenn unsere Kunden betroffen sind, werden wir das spüren. Am Ende hängt es natürlich sehr stark davon ab, wie lange die Blockade andauern wird. Wir haben als großes Unternehmen bessere Möglichkeiten als andere. In allen wichtigen Regionen haben wir mindestens 80 Prozent lokalen Produktionsanteil und beziehen mindestens 90 Prozent unserer Rohstoffe in der jeweiligen Region. Das hat uns schon in anderen Krisen sehr geholfen. Das neue Werk hat 8,7 Milliarden Euro gekostet. Hängt das Glück von BASF nun von China ab? Nein, das sehe ich nicht so. Die Chancen auf profitables Wachstum in China sind groß. Die Risiken, die durch diese Investition eintreten, stehen dazu in einem guten Verhältnis. Erstens weil wir dieses Projekt ausschließlich in China finanzieren, aus unserem Cashflow dort und mit dort aufgenommenem Fremdkapital. Wir überweisen dafür keinen Cent aus Europa. Zweitens weil wir in China bisher deutlich unterrepräsentiert sind. Das Land steht für die Hälfte des Weltmarkts in der Chemiebranche, aber nur für 14 Prozent der BASF-Umsätze. Dieser Anteil soll mit dem neuen Standort auf 18 oder 19 Prozent steigen. Selbst dann wird China für uns, gemessen am Umsatz, noch deutlich kleiner sein als die Vereinigten Staaten. In China schlägt der demographische Wandel mit Wucht zu. Woher kommt Ihre Zuversicht, dass die Wirtschaft dort bald wieder in Schwung kommt? Das hört sich an, als würde die chinesische Wirtschaft zurzeit nicht wachsen. Tatsächlich wächst sie mit 4 bis 5 Prozent sogar ziemlich stark – vielleicht etwas anders als erwartet, weniger vom Konsum angetrieben als vom Export. Aber das wird sich einpendeln. In Peking und Shanghai kann man sich wie im modernsten Land der Welt fühlen, aber es gibt daneben auch immer noch ein weniger entwickeltes China mit sehr vielen Leuten, die bald ihren ersten Kühlschrank, ihren ersten Fernseher, ihr erstes Auto kaufen werden. Da stecken für die Chemieindustrie sehr viele Wachstumsmöglichkeiten drin. Genauso wie in der Stärke vieler chinesischer Unternehmen, wettbewerbsfähig Endverbraucherprodukte für den Weltmarkt herzustellen. Und vergessen Sie nicht, dass China für viele Chemikalien bisher ein Netto-Importeur ist. Wem genau wollen Sie die Produkte aus Zhanjiang künftig verkaufen? Wir haben dort über 30 unterschiedliche Produktionslinien, entsprechend groß ist die Produktpalette. Damit sind wir in der gesamten verarbeitenden Industrie unterwegs und nicht von zwei oder drei Branchen abhängig. Geographisch ist es so, dass wir bisher rund 90 Prozent unserer chinesischen Produktionskapazität im Osten des Landes haben, zwischen Nanjing und Shanghai. Der Wachstumsmotor Chinas ist inzwischen aber der Süden, wo allein die Provinz Guangdong ungefähr die Wirtschaftsleistung von Südkorea erreicht. Und genau dort sind wir jetzt vertreten. Was passiert, wenn es einen Krieg um Taiwan gibt, die Feindseligkeit zwischen China und den USA eskaliert? Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, liegt nach meiner Einschätzung nicht bei null, aber sie ist auch nicht sehr groß. Wir schauen uns natürlich an, welche Konsequenzen ein solches Extremszenario für das Unternehmen hätte. Und auch in diesen Analysen kommen wir stets zu dem Schluss, dass die Chancen größer sind als die Risiken. Wenn wir aufhören, in China zu investieren, ziehen wir uns aus der Hälfte des Weltmarkts zurück. Dieses Szenario ist für mich deutlich risikoreicher als eine Investition in China. Auch über Russland hieß es einst, man müsse dort unbedingt vertreten sein. Die BASF-Tochtergesellschaft Wintershall, die dort Öl und Gas förderte, ist inzwischen Geschichte. Wie sehr schreckt Sie die Parallele? Ich finde, man muss schon sehr kreativ sein, um da eine Parallele zu erkennen. In China geht es um einen wachsenden Markt, um Kunden und Innovation. Um all das ging es in Russland nicht. Einen Teil des Verlusts in Russland deckte eine Bundesgarantie. Gibt es in China ähnliche Vorkehrungen? Es handelt sich um eine Versicherung für Auslandsinvestitionen, für die wir in den Jahren davor hohe Prämien gezahlt haben. Dann ist der Versicherungsfall eingetreten, jetzt werden Kompensationszahlungen fällig. Wir schließen eine solche Versicherung auch für andere Länder ab, natürlich auch für China. Zhanjiang ist im Chemie-Jargon ein sogenannter Verbundstandort. Genau wie das BASF-Stammwerk, wo wir dieses Gespräch führen. Wie wird es den Konzern verändern, das nun viele Tausend Kilometer entfernt ein zweites Ludwigshafen entsteht? Ich mag diesen Vergleich nicht, weil er nicht passt. Ludwigshafen hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Design, eine Komplexität und Vielfältigkeit, die Sie so an keinem anderen Chemiestandort der Welt finden. Wir betreiben daneben auch jetzt schon weitere Verbundstandorte – zwei in den USA, einen in Antwerpen, einen in Malaysia und einen in Nanjing im Osten von China. Wir wollen sie immer möglichst in der Nähe unserer Kunden bauen. Mit diesem Konzept waren wir in der Vergangenheit erfolgreich, deshalb setzen wir es fort. China bekommt ein neues BASF-Werk, während hier Anlagen abgeschaltet wurden. Was wird stattdessen künftig in Zhanjiang hergestellt? Diesen Zusammenhang gibt es nicht, wir verlagern nichts nach China. Ich kann nicht aus Ludwigshafen den chinesischen Markt bedienen, und auch aus Zhanjiang nicht den europäischen. Wir bauen dort für den chinesischen Markt. Gleichzeitig modernisieren wir in Ludwigshafen, um in Europa wettbewerbsfähig zu sein. Es ist und bleibt auch so, dass wir an keinem Standort der Welt so viel investieren wie in Ludwigshafen. Davon wird nur leider nicht so viel gesprochen wie von einzelnen Stilllegungen. Man kann in China durchaus für den europäischen Markt produzieren. Jedenfalls zeigt die Handelsstatistik eine deutliche Zunahme der Importe. Ich halte diese Importe aus China langfristig nicht unbedingt für wettbewerbsfähig, wenn man in Europa die Rahmenbedingungen richtig setzt. Nicht ohne Grund werden zurzeit so viele Antidumpingverfahren gegen chinesische Produzenten angestrebt. China ist per se kein besonders günstiges Land, um Chemikalien für den Export zu produzieren. Das Land hat keine sehr günstigen Rohstoffe, und die Arbeitskosten sind längst nicht mehr so niedrig wie vor 25 Jahren. Wo lassen sich Chemieprodukte heute günstiger als in China herstellen? Gas ist nach wie vor der wichtigste Energieträger in der Chemie und ein wichtiger Rohstoff für viele Chemikalien. Am günstigsten ist Gas dort, wo es gefördert wird – also in den USA und im Mittleren Osten. Überall sonst geht es im Wesentlichen um verflüssigtes Gas, in China genau wie in Europa. Für Ludwigshafen haben Sie einen Langzeitvertrag mit Gaslieferanten aus Norwegen und Amerika. Woher kommt das Gas für Zhanjiang? Wir haben dort keine Verträge mit Produzenten, das Gas beziehen wir von den örtlichen Versorgern. Unser Vorteil ist, dass wir dort nicht so viel Gas verbrauchen, weil wir Elektrizität aus Erneuerbaren einsetzen. Wir betreiben dort zum Beispiel erstmals einige große Turbinen rein elektrisch, die sonst mit Gas laufen. Das senkt den CO2-Ausstoß deutlich unter das übliche Niveau. China kauft nach wie vor Gas in Russland ein. Das könnte also auch in den BASF-Anlagen landen? Theoretisch ist das so, auch wenn ich es für sehr unwahrscheinlich halte, weil Zhanjiang geografisch sehr weit weg von Russland ist. Aber selbst in Deutschland können Sie heute nicht komplett ausschließen, dass über das Rohrleitungssystem ein Gasmolekül zu Ihnen kommt, das ursprünglich aus Russland stammt, weil ja auch einige EU-Länder weiterhin dort einkaufen. Woher kommt der chinesische Grünstrom, den Sie erwähnt haben? Wir haben uns dafür einen Anteil an einem Windpark vor der Küste gesichert. Außerdem haben wir einige langfristige Lieferverträge für Solar- und Windstrom abgeschlossen. Wie teuer ist das in China? Dort ist Strom aus Erneuerbaren günstiger als Strom aus dem Kohle- oder Gaskraftwerk. Davon sind wir in Europa noch weit weg. In Deutschland herrscht die Vorstellung, dass es in China keinen Widerstand mehr gegen Großprojekte gibt, wenn sie einmal beschlossen sind. Wie geräuschlos lief es in Zhanjiang? Auf Autopilot geht so etwas auch in China nicht. Es ist ein Land mit vielen Regeln und einer ausgeprägten Bürokratie. Die Umweltgesetzgebung ist in China nach meinem Eindruck sogar schwieriger zu manövrieren als in Europa. Aber es gibt dort eine Grundeinstellung, Hindernisse zu überwinden und Lösungen zu finden, die ich beeindruckend finde. So war es mit unserer Idee, zu 100 Prozent Grünstrom zu verwenden. Dafür gab es anfangs noch kein regulatorisches Rahmenwerk. Aber die Provinzregierung fand die Idee gut, weil sie sich davon viele weitere grüne Investitionen erhoffte. Und dann hat es nur acht Wochen gedauert, bis das neue Gesetz fertig war. Das ging nicht par ordre du mufti, sondern in einem sauberen Verwaltungsprozess – nur eben mit hohem Tempo. In China konkurrieren die einzelnen Regionen scharf um Investitionen. Wie hat Zhanjiang Sie angelockt? Ich habe schon erläutert, was strategisch für Südchina spricht. Ausschlaggebend für die Region waren neben der Nähe zu wichtigen Kunden ein sehr wettbewerbsfähiger Hafen und eine verfügbare Fläche in der passenden Größe. Die Regierung hat versprochen, diese Fläche für uns zu erschließen, und sich daran gehalten. Weitere Lockmittel, die für uns ausgelegt wurden, kann ich nicht bestätigen. Bis auf eine Steuervergünstigung. Da hat uns niemand einen Gefallen getan, und es war auch kein Entscheidungskriterium von vornherein. Die Vergünstigung haben wir uns später erarbeitet. Es gibt ein Förderprogramm für Technologieunternehmen, um das wir uns regulär beworben haben – mit Erfolg. Dafür mussten wir aber auch einiges tun, etwa Forschung und Entwicklung an Ort und Stelle nachweisen. Was tun Sie, um sich vor Datenklau und Spionage zu schützen? Bei diesem Thema darf man nirgendwo auf der Welt naiv sein; wir haben in jedem Land ein maßgeschneidertes System, um uns davor zu schützen. Aber eins ist klar: Die Zeiten, in denen man mit der zweit- oder drittbesten Technologie, die vielleicht nicht ganz so vertraulich war, in China erfolgreich antreten konnte, sind vorbei. Nach Zhanjiang gehen wir mit unseren neuesten Technologien. Wir haben damit in China aber auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Mir ist aus den vergangenen Jahrzehnten dort kein einziger Fall von Technologieverlust bekannt. Zum Schluss doch noch ein Vergleich mit Ludwigshafen. Wird es in Zhanjiang wie hier am Rhein einen eigenen BASF-Weinkeller geben? Nein, und das verdeutlicht den Unterschied vielleicht ganz gut. Ludwigshafen ist die Wiege der BASF und erfüllt für uns sehr viele unterschiedliche Aufgaben. Zhanjiang ist nagelneu – aber ein reiner Produktionsstandort. Ich weiß nicht mal, ob es dort überhaupt einen Keller gibt, das Gelände liegt unmittelbar an der Küste. Aber es gibt inzwischen ein paar Hotels in der Stadt, die Pfälzer Wein auf der Karte haben. Die Fragen stellte Sebastian Balzter.