Die erste „Wechselwirkung“ erfährt der Besucher des Berliner Surrealismusmuseums Sammlung Scharf-Gerstenberg bereits am Eingang. Wer sich aufmacht, die gleichnamige Ausstellung in Charlottenburg zu sehen, muss zunächst das ägyptische Kalabscha-Tor passieren. In dessen Sichtachse bewegen sich auf einer Projektion Protonen wie beim Siebzigerjahre-Automatenspiel „Pong“. Ob die Quantenchromodynamik die anschaulichste Darstellung für Wechselwirkungen zu bieten hat, sei einmal dahingestellt. Der Kontrast zum unternubischen Tempeleingang gibt jedenfalls, ob gewollt oder ungewollt, eine vorzügliche Idee dessen, was den Besucher nach dem Gang um die Ecke erwartet. Hier trifft der erste Blick vier divergente Wände, an denen die Fotografien Kai Bornhöfts mit den Stillleben Frank Tornows in Nachbarschaft weilen. Bornhöfts rätselhaft-schaurige Schwarz-Weiß-Fotografien hängen neben Tornows kleinformatigen Zitronen, Tomaten und Babybananen. Erst der zweite Blick zeigt, dass die Verschiedenartigkeit der Arbeiten keine Kluft bildet, sondern gerade durch den Kontrast die Eigenheiten der jeweils Anderen hervorheben. Eine Abstraktion Bornhöfts nimmt an einem tornowschen Hokkaido genau dasjenige auf, was ihn besonders auszeichnet: den Schattenwurf. Das abstrakte Spiel aus Hell und Dunkel der Fotografie lässt den Kürbis noch plastischer vorm schlichten Hintergrund hervortreten. Die Dreidimensionalität schlägt aber im gleichen Maß zurück auf die Fotografie, die an Tiefe gewinnt und die hinter ihr liegende Wand öffnet. Jede Arbeit steht für sich und greift trotzdem auf die andere über. Das Unbewusste als Triebfeder der Kunst Intellektueller Pate der Ausstellung ist der französische Surrealist André Breton, dessen 1924 veröffentlichtes Manifest einen Satz des Dichters Lautréamont zur Leitidee des Surrealismus erhebt: „Schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ sollte die Kunst von nun an sein. Im Angesicht der Ausstellung muss ergänzt werden: schön wie das zufällige Zusammentreffen eines Blumenkohls mit einem Atompilz in einem ehemaligen Pferdestall. Wobei von einem Zufall zu sprechen wohl keinem Surrealisten in den Kopf kommen würde, sollen doch gerade die abwegigsten Zusammenstellungen, inspiriert durch Sigmund Freuds Traumdeutungen, die unterschwellige Zusammengehörigkeit der Kongregationen zum Vorschein bringen. Eine Assoziation ist damit die Entfaltung des Unbewussten. Folgerichtig banden es die Surrealisten fest in die künstlerische Produktion ein und ernannten es zur Triebfeder allen Schaffens. In Bornhöfts Fotografien, in denen die sinistre Stimmung erst durch mehrmaliges Umkopieren entsteht, scheint das Regellose im Schattendunkel nur zu warten. Die Interaktion mit Tornows reglosem Gemüse setzt dieses Untergründige und Verdrängte frei. Dass zwei Chicorée gespenstisch sein können, ergibt sich erst aus der Zusammenstellung einer Fotografie Bornhöfts aus der Serie „ten“. Das wie durch zwei Fenster gleißende Licht des Abzugs gräbt sich in die Netzhaut des Betrachters und legt sich beim Blinzeln als positives Nachbild auf das Chicorée-Stillleben, die nun wie zwei Geister an die Wand gelehnt sind. Ein Blick in die „Apotheken-Umschau“ kann mehr über Wechselwirkung erklären als der Verweis auf Quarks und Gluonen im Aufmachertext der von Kyllikki Zacharias kuratierten Ausstellung. Wechselwirkung, das ist wie bei Arzneimitteln die Relationalität zweier Stoffe, die sich gegenseitig verstärken – mit ungewissem Ausgang. Wechselwirkung. Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin; bis zum 15. November. Kein Katalog.
