FAZ 17.08.2026
12:50 Uhr

Arbeitsurlaub in den Alpen: Es bringt rein gar nichts, Kühen hinterherzurennen


Unser Autor tauscht Maus gegen Sense, um auf einem Bergbauernhof auszuhelfen. Er verzweifelt an Rindern, kämpft gegen Muskelkater und entdeckt zwischen Stall und Wiesen eine neue Freiheit.

Arbeitsurlaub in den Alpen: Es bringt rein gar nichts, Kühen hinterherzurennen

„Bleib’ doch bitte einfach stehen!“, denke ich, während ich über Wurzeln und Steine springe, als sei mir das abschüssige Terrain vertraut. Dem Bergpanorama rechts von mir schenke ich keine Beachtung. Mein Blick haftet an der Kuh, die wenige Meter vor mir durch das Dickicht bricht. Obwohl es früh am Morgen ist, schwitze ich. Ich muss Luft holen und bleibe stehen. Wut steigt in mir auf, die in Verzweiflung mündet: Wie schwer kann es sein, zehn Kühe auf ihre Weide zu treiben? Derweil steht das abtrünnige Tier vor mir und frisst seelenruhig, was der Waldboden bietet. Doch sobald ich mich auch nur einen Schritt nähere, geht das Spiel von vorne los – und die Kuh rennt weg. Tag eins meines Experiments – und ich bin gescheitert. An einer Kuh. Ob es eine kluge Entscheidung war, meinen Schreibtisch zwei Wochen lang gegen das Leben auf einem Bergbauernhof einzutauschen, sollte ich mich in den kommenden Tagen noch häufiger fragen. Mein letzter Besuch auf einem Bauernhof lag ungefähr zwanzig Jahre zurück – ein Kindergarten-Ausflug. Fast genauso lang meine letzte ernsthafte sportliche Betätigung: Der Rücken zwickt schon, ehe ich Sichel oder Fadenmäher zum ersten Mal in den Händen halte. Vielleicht wollte ich deshalb genau das erfahren: körperliche Arbeit, in der Natur, an einem fremden Ort. Mit dem Zug fahre ich knapp eine Stunde von Meran Richtung Westen durchs Vinschgau. Berge und Täler Südtirols durch die Fensterscheibe zu bestaunen, fühlt sich nach Urlaub an. Doch der Eindruck währt nur kurz. Am Zielbahnhof angekommen, holt mich Bauer Thomas ab. Seit 2012 führt er den Bergbauernhof, den er von seinem Vater übernommen hat. Viele Bauern in der Region halten ihre Tiere inzwischen im Stall. Thomas treibt seine Kühe noch täglich auf die Weide – ein erheblicher Mehraufwand, für den es nicht einmal mehr Geld gibt. Neben 20 Milchkühen hat er Kälber, zwei Schweine, Hühner, Hunde und Katzen. Kost und Logis gegen freiwillige Mitarbeit Oben auf 1350 Metern lerne ich Thomas’ Familie kennen. Sein Großvater hat den Hof gegründet, sein Vater ihn vor Jahrzehnten übernommen. Obwohl gesundheitlich angeschlagen, helfen Thomas’ Eltern nach wie vor jeden Tag mit. Außerdem leben seine Frau und die beiden kleinen Töchter auf dem Hof: sechs Menschen, drei Generationen – und ich. Für die nächsten zwei Wochen ändert sich mein Tagesrhythmus. Kurz nach sechs klingelt der Wecker. Wenige Minuten später stehe ich im Stall, wo mich die erste und letzte Aufgabe des Tages erwartet: ausmisten. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass Kuhfladen so schwer sind! Sieben Schubkarren befülle ich am Morgen, vier am Abend. Während ich hinter den Kühen mit der Schaufel hantiere, muss ich auf der Hut sein. Denn ohne Vorwarnung könnte jeden Moment Nachschub kommen. Mehrfach rettet mich bloß ein beherzter Sprung zur Seite. Kost und Logis gegen freiwillige Mitarbeit: Schon vor Jahren war ich auf das Angebot des Vereins „Freiwillige Arbeitseinsätze“ gestoßen. Bauernbund, Caritas und andere Sozialvereine haben sich zusammengeschlossen, um Bergbauern zu helfen und damit ein Stück Südtiroler Kulturgut zu erhalten. Viele Bauern schaffen es kaum, die steilen Wiesen allein zu bewirtschaften, andere brauchen aufgrund von Krankheitsfällen zeitweise Unterstützung. Beinahe 15.000 Einsatztage konnte der Verein im vergangenen Jahr vermitteln, die meisten Freiwilligen kommen aus Deutschland. Bei Bauer Thomas packen von April bis Oktober Freiwillige mit an – sofern sich genügend Helfer finden. Am dritten Tag erreiche ich einen Tiefpunkt Was es wirklich heißt, auf solch einem Bauernhof mitzuarbeiten, wusste ich vorher nicht. Trotzdem faszinierte mich die Landwirtschaft ganz intuitiv, vielleicht weil mein eigenes Berufsleben so viel vor Bildschirmen stattfindet. Von außen ist es freilich leicht, Sinnhaftigkeit in einen Lebensentwurf zu projizieren, der so anders als der eigene ist, und Idylle zu vermuten, wo Natur Teil des Alltags ist. Das Angebot der Bergbauernhilfe will indes etwas anderes vermitteln: keinen Urlaub auf dem Bauernhof, sondern Einblicke in die landwirtschaftliche Realität. Und die ist anstrengend: ausmisten, füttern, mähen, Kühe bergauf und bergab auf Weiden treiben, zäunen, reparieren, Brennholz stapeln, Käse schmieren, Brot backen – es gibt wirklich immer was zu tun. Auch ein Regenschauer bringt keine Pause, sondern verlagert die Tätigkeit bloß unters Dach. Am dritten Tag erreiche ich einen Tiefpunkt: Mein Körper schmerzt. Als Ganzes, aber auch einzelne Muskelgruppen, deren Existenz mir gänzlich unbekannt war. Franzbranntwein und Magnesium helfen nur wenig; weitere anderthalb Wochen durchzuhalten, scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich (wenn auch nur knapp) zu früh bin für die Heuernte. Das sei die Zeit im Jahr, sagt Thomas, in der auch er Muskelkater habe. Meine Arbeitstage beginnen früh und enden spät. Um neun Uhr abends taumle ich unter die Dusche und falle dann ins Bett. Wenn ich, halb verschlafen und auf nüchternen Magen, am Morgen den Stall auszumisten beginne, hat Thomas schon längst mit dem Melken begonnen. Und auch am Abend ist er noch länger im Stall als ich. Darüber klagen höre ich ihn nie. Im Gegenteil, Thomas mag die Routineaufgaben, die ihn täglich erwarten. Und auch die unerwarteten Probleme. Wenn etwas kaputtgeht, tüftelt er so lange, schweißt, bohrt und zimmert, bis er eine Lösung gefunden hat. Mit dem Höhepunkt der Schmerzen am dritten und vierten Tag überschreite ich auch den Tiefpunkt der Stimmung. Ich fange an, Gefallen daran zu finden, am Morgen gemeinsam mit den Kühen ein Stück bergab ins Tal zu gehen, nur ihren gleichmäßigen Tritt und das Läuten der Kuhglocken hörend. Zwei Stunden lang Holzscheite zu spalten, hat auf einmal etwas Meditatives. Ein Rhythmus pendelt sich ein, die Wiederholung gibt Struktur. Bei vielen Tätigkeiten bin ich allein und mit mir beschäftigt. Manchmal lasse ich den Gedanken freien Lauf, manchmal wird der Kopf zur Nebensache, und ich erlebe die stille Zufriedenheit desjenigen, der sich auf seiner Hände Arbeit verlassen kann. Fast alles stammt aus eigener Produktion Eine Steigerung des Glücksgefühls erlebe ich in den Essenspausen. Die Südtiroler Küche hat zu Recht einen hervorragenden Ruf, aber hier erfahre ich: Sie macht auch einiges an Strapazen wett. Morgens süß (Brot mit Honig, Marillenmarmelade und seeehr viel Butter), wird’s am Mittag klassisch (Suppe, Hauptgang, Nachtisch) und abends deftig: Brotzeit mit Käse, Speck und Wurst. Das Besondere: Fast alles stammt aus eigener Produktion. Milch und Käse sowieso, aber auch der Salat kommt aus dem eigenen Garten, im Keller gärt das Sauerkraut und reift der hofeigene Speck (der, wie ich später feststellen muss, mit dem deutschen Supermarkt-Produkt bestürzend wenig gemein hat – so guten Speck habe ich zu Hause noch nie gegessen). Jeden Winter schlachten sie auf dem Hof eine Kuh, deren Milchleistung nicht mehr ausreicht, sowie die beiden Schweine. Ob Gulasch, Bratwurst oder Hack – alles Fleisch, das im Folgejahr auf dem Teller landet, stand bis vor Kurzem noch im Stall nebenan. Essenszeit ist Familienzeit. Wie besonders, dass drei Generationen ihre Mahlzeiten stets gemeinsam einnehmen, denke ich. Obwohl sie sich mir zuliebe bemühen, Hochdeutsch zu sprechen, verstehe ich nicht alles, was gesagt wird. Essen bedeutet aber nicht nur Pause und Stärkung, es sind die wenigen Zeiten, die der Familie miteinander bleiben. Wenn Thomas abends aus dem Stall kommt, schlafen seine Töchter bereits. So intensiv am Leben einer Familie teilzuhaben, fühlt sich unerwartet intim an. Und ich empfinde es als großzügig, wie selbstverständlich und herzlich Thomas’ Familie das zulässt. Die Freiheit, seine Zeit einzuteilen Immer wieder frage ich mich, was Thomas an dieser Art zu leben Erfüllung finden lässt. Der Verdienst kann es nicht sein. Wenn man das Ganze betriebswirtschaftlich betrachten würde, erzählt er eines Tages, müsste er den Hof sofort schließen. Doch Lebensglück bemisst sich nicht allein im Stundenlohn. Thomas sagt, es sei die Arbeit mit den Tieren, in der Natur, die ihn begeistert. Jeden Abend zu wissen, zu sehen und zu schmecken, was er produziert hat. Und die Freiheit, seine Zeit einzuteilen. Ob er das Gattertor heute repariert oder erst in einer Woche, ist ihm überlassen, er muss nur die Milch rechtzeitig ins Dorf zum Sammelpunkt bringen. Und doch scheint es mir ein Lebensentwurf zu sein, der einsam machen kann. Zumindest dann, wenn er familiär nicht so stark getragen ist wie hier. In den zwei Wochen ist der Hof mein ganzer Kosmos, den ich nur verlasse, um die Kühe auf ihre Weiden zu treiben. Direkte Nachbarn gibt es nicht. Der nächste Supermarkt ist eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt, dazwischen Hunderte Höhenmeter und Serpentinen. So lassen sich die Menschen, denen ich begegne, an zwei Händen abzählen: Thomas, seine Familie sowie ein paar Wanderer. Auf der anderen Seite hat diese Abkapselung auch etwas Befreiendes. Natürlich dringen die schlechten Nachrichten der Welt bis hier oben vor. Sie scheinen aber weiter weg, aus einer anderen Welt, die nicht so sehr die gleiche ist. Vielleicht besteht Freiheit manchmal darin, die Welt auf Abstand zu halten. Wieder büxt ein Rind aus, rennt durchs Dorf – und ich hinterher Meine zwei Wochen neigen sich allmählich ihrem Ende zu. Ich habe durchgehalten! Mit einer Engelsgeduld hat Thomas mir grundlegende Handgriffe erklärt, die mir teilweise dennoch fremd blieben. In diesem Leben werde ich wohl kein Bergbauer mehr, und wahrscheinlich ist das für alle Seiten besser. Trotzdem habe ich viel gelernt. Kühen hinterherzurennen, bringt rein gar nichts. Andererseits muss ich auch keine Angst haben, wenn eine Gruppe Kühe auf mich zuläuft. Milchviehwirtschaft ist ein hartes Geschäft, in den Bergen erst recht. Bei jedem Griff ins Kühlregal denke ich daran. Immerhin, die Rückenschmerzen sind verschwunden, mein Körper dafür temporär geschunden. Je länger ich auf dem Hof bin, desto größer wird mein Respekt vor der Arbeit, die Thomas und seine Familie leisten. Denn trotz aller Strapazen: Für mich waren die zwei Wochen eine Auszeit, für Thomas sind sie Alltag. 365 Tage im Jahr. Nur sonntags haben sie einen „freien“ Tag. Die Kühe bleiben im Stall, müssen gleichwohl gefüttert, gemolken und der Stall ausgemistet werden. Länger als vier Stunden dauert das nicht. Nach getaner Arbeit melke ich mir eine Tasse Milch Der Stallgeruch wird mich länger begleiten, als ich vor Ort bin. Zurück in Deutschland, denke ich wehmütig zurück an Bergkäse und Speck – und an mein Abendritual: Nach getaner Arbeit lege ich selbst Hand an und melke mir eine Tasse Milch. Von Tag zu Tag werde ich dabei schneller. Euterwarm und süßlich, bleibt sie mir als eines der vielen Geschmackserlebnisse in Erinnerung. Und auch in meinen Träumen werden mich die Kühe noch eine Weile begleiten. Beinahe traumhaft, aber leider sehr real ist dagegen das Déjà-vu, das mich am letzten Tag erwartet: Eine Gruppe Jungrinder soll den Sommer unter der Obhut eines Senners auf einer Alm verbringen. Thomas und ich treiben die jungen Tiere bergauf in Richtung Alm, er voran, ich als Nachhut. Dann passiert es: Wieder büxt ein Rind aus, rennt durchs Dorf – und ich hinterher. Vergeblich versuche ich, ihm den Weg abzuschneiden, es zurückzutreiben. Wieder flehe, fluche und verzweifle ich. Erst mit der tatkräftigen Mithilfe zweier Dorfbewohner gelangt das abtrünnige Rind zum Almgelände, wo Thomas lachend auf uns wartet. Dann habe ich es geschafft. Erschöpft, dankbar und ein wenig stolz mache ich mich auf den Heimweg. Von Kühen habe ich vorerst genug.