FAZ 31.07.2026
14:13 Uhr

Angeblich war es die Mafia: Italienischer Journalist fingiert Brandanschlag auf sich selbst


Der junge italienische Journalist Adriano C. berichtet über das organisierte Verbrechen. Drohungen und ein Brandanschlag schrecken ihn nicht ab – so schien es. Doch nun bekommt die Geschichte eine andere Wendung.

Angeblich war es die Mafia: Italienischer Journalist fingiert Brandanschlag auf sich selbst

Ein zwanzig Jahre alter Journalist aus Enego in der nordostitalienischen Region Venetien wird dringend verdächtigt, Drohbriefe der Camorra an sich selbst, an einen Antimafiapater aus der Gegend von Neapel sowie an Ministerpräsidentin Giorgia Meloni selbst verfasst zu haben. Auch eine Brandbombe vor seinem Wohnhaus soll er Ende Mai selbst gelegt haben. Die Staatsanwaltschaft bezichtigt Adriano C. der Brandstiftung, der wiederholten Vortäuschung einer Straftat, der Störung der öffentlichen Ordnung sowie des Betrugs gegenüber einer öffentlichen Einrichtung. Italienische Medien berichten, der Journalist, der als freier Mitarbeiter für die Tageszeitung „Il Giornale di Vicenza“ und das Magazin „L’ Altopiano“ tätig war, habe die Taten zugegeben und kooperiere mit den Strafverfolgern. Adriano C. hatte häufig über das organisierte Verbrechen in der Stadt Caivano nördlich von Neapel berichtet. In Caivano waren im Juli 2023 zwei zehn und zwölf Jahre alte Mädchen von einer Gruppe von sieben Minderjährigen und zwei jungen Erwachsenen vergewaltigt worden. Mehrere der inzwischen zu langen Haftstrafen verurteilten Gewalttäter waren Söhne örtlicher Clanbosse der Camorra. Offenbar wollte sich Adriano C. mit seinen Berichten über das organisierte Verbrechen – namentlich die Camorra in der süditalienischen Region Kampanien – im ganzen Land einen Namen als furchtloser Journalist machen, der sich auch von Todesdrohungen nicht abschrecken lässt. In den offenkundig von ihm selbst verfassten Briefen werden er, der als Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen bekannte Pater Don Maurizio Patriciello aus Caivano sowie Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bedroht. Don Maurizio Patriciello: Adriano C. soll sich bei Meloni entschuldigen Nachdem C. einen weiteren Brief an sich selbst mit einer Pistolenkugel geschickt hatte, wurde ihm Polizeischutz gewährt. Nach Bekanntwerden der Drohbriefe hatte C. Solidaritätsbekundungen von Journalistenverbänden und Gewerkschaften sowie aus Politik und Kirche erfahren. Meloni hatte die Drohungen gegen C. als „inakzeptabel“ bezeichnet. Der von C. in die mutmaßliche Betrugsaffäre hineingezogene Don Maurizio Patriciello äußerte sich gegenüber dem „Corriere della Sera“ vom Freitag „zutiefst betrübt“ über den Journalisten, den er als „höflichen, herzlichen und überaus freundlichen jungen Mann“ kennengelernt habe. Patriciello forderte C. auf, sich bei der Ministerpräsidentin zu entschuldigen. Er selbst habe als Priester dem jungen Journalisten vergeben und sei bereit, ihm als Seelsorger zur Seite zu stehen. Er habe C. aber bisher nicht erreichen können, weil dieser sein Mobiltelefon abgeschaltet und seine Kanäle in den sozialen Medien gelöscht habe. Der Publizist und Schriftsteller Roberto Saviano war mit seinem 2006 erschienenen und mehrfach verfilmten Tatsachenroman „Gomorrha“ über zwei verfeindete Camorra-Clans in der Stadt Casal di Principe nordwestlich von Neapel international bekannt geworden. Saviano wird von der Camorra tatsächlich mit dem Tode bedroht und lebt seit fast zwei Jahrzehnten unter Polizeischutz an ständig wechselnden Wohnorten.