FAZ 18.08.2026
18:26 Uhr

Analyse MSCI ACWI: Warum ein überstürzter Verkauf Anleger Rendite kostet


Ob Börsencrash oder Rekordrally: Anleger wollen ihre Aktien oft an außergewöhnlichen Tagen loswerden. Das ist eine schlechte Entscheidung, zeigt eine neue Analyse.

Analyse MSCI ACWI: Warum ein überstürzter Verkauf Anleger Rendite kostet

Rekorde an der Börse sind mittlerweile fast normal für Anleger geworden. Allein in diesem Jahr toppte der Dax immer wieder seine Höchstwerte – und kletterte zuletzt am vergangenen Mittwoch auf 26.573,50 Zähler. Seit dem Jahrestief im März hat der deutsche Leitindex rund 20 Prozent hinzugewonnen. Diese Woche scheint der Index wieder etwas Abstand zu einem neuen Höchstwert einzunehmen, doch auf den nächsten Rekord wird schon spekuliert. Wenn sich Kurse außergewöhnlich positiv entwickeln, nehmen Anleger oft vorschnell Gewinne mit. An schlechten Tagen wiederum verkaufen viele aus Angst vor weiteren Verlusten. Doch eigentlich sollten sie lieber die Füße stillhalten und auch außergewöhnliche Tage an der Börse aushalten. Das ist das Ergebnis einer historischen Analyse von Pascal Kielkopf vom Family Office HQ Trust. Wie der MSCI ACWI auf extreme Börsentage reagiert Der Kapitalmarktstratege hat die Kursbewegungen des globalen Aktienindex MSCI All Country World Index (ACWI), der mehr als 2700 große und mittelgroße Unternehmen aus Industrieländern und Schwellenländern enthält, nach Extremtagen beobachtet. Als Extremtag gilt, wenn die Tagesrendite des Index um mehr als zwei Standardabweichungen vom langfristigen Durchschnitt abweicht – konkret entspricht das einer Kursbewegung von rund plus oder minus zwei Prozent. Über den gesamten Zeitraum der Untersuchung von rund 14.200 Handelstagen seit dem Jahr 1971 gab es insgesamt 611 solche Extremtage. Dabei treten diese nicht regelmäßig, sondern besonders in Krisenphasen auf, in sogenannten Volatilitätsclustern. „Im Finanzkrisenjahr 2008 gab es mit 61 die meisten Extremtage. Aber auch das Platzen der Dotcom-Blase zu Beginn der 2000er-Jahre und die Corona-Pandemie 2020 hinterließen deutlich erkennbare Ausschläge“, erklärt Kielkopf. Während der geplatzten Dotcom-Blase verloren überbewertete Technologiewerte stark an Wert, 2008 löste die Angst vor Bankenpleiten und einer weltweiten Rezession heftige Verkäufe aus. Und 2020 brachen die Kurse wegen der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie ein. Zwischen diesen Extremphasen gab es auch lange, ruhige Zeitabschnitte, wie die Analyse zeigt. Mitte der 1990er-Jahre oder in den Jahren nach 2011 gab es nur selten solche Extremtage. Extremtage können sogar eher Kaufsignal sein Wenn langfristig investierte Anleger an solchen außergewöhnlichen Tagen überstürzt verkauft oder die besten Erholungstage verpasst hätten, hätten sie Rendite verschenkt. „In vielen Fällen wären sie sogar eher ein Kaufsignal gewesen“, erklärt Kielkopf. Der MSCI ACWI entwickelte sich nach Extremtagen im Durchschnitt über drei, sechs und zwölf Monate stärker als nach durchschnittlichen Handelstagen. Drei Monate nach negativen Extremtagen, an denen die Tagesrendite des Index um zwei Prozent gesunken war, lag die Rendite laut der Analyse im Mittel bei 3,1 Prozent, nach einem durchschnittlichen Handelstag nur bei 2,3 Prozent. Mit Blick auf die langfristige Anlage wirkt sich die Entscheidung der Anleger noch stärker aus. In den zwölf Monaten nach einem negativen Extremtag erzielte der globale Aktienmarkt durchschnittlich sogar 13,1 Prozent, nach einem normalen Handelstag im Mittel nur 9,7 Prozent. Auch nach einem positiven Extremtag lohnte es für Anleger dabeizubleiben: Durchschnittlich betrug die Rendite dann 11,4 Prozent. Für drei und sechs Monate nach einem positiven Extremtag lagen die Renditen allerdings leicht unter denen für die Zeit nach einem durchschnittlichen Handelstag. Zahlen, aus denen Anleger Schlüsse für ihre Reaktion auf positive, aber auch negative Rekorde an der Börse ziehen können. Kapitalmarktstratege Kielkopf rät: „Wer nach einem schwachen Tag verkauft, verpasst häufig genau die Erholungsphase, die im Anschluss folgt. Nach guten Börsentagen folgen oft weitere gute Tage – hier hätten Investoren zu früh verkauft.“ Wiederum solle man mit einem Wiedereinstieg auch nicht auf die nächsten Extremtage warten, denn schließlich seien diese selten. Wer nicht investiere, verpasse mehr Rendite, als durch einen vermeintlich günstigeren Einstieg zu gewinnen sei. Kielkopfs Fazit: „Wer langfristig investiert, sollte sich von kurzfristigen Turbulenzen nicht zu sehr beeinflussen lassen.“