FAZ 30.09.2026
10:03 Uhr

Airlines ohne Komfort: Abzocke in der Holzklasse


Wer Economy fliegt, lernt Bescheidenheit – zumindest bei europäischen Airlines. In Asien zeigt man, dass auch die billigsten Plätze den Gast nicht quälen müssen. Und wie schneidet die Lufthansa ab?

Airlines ohne Komfort: Abzocke in der Holzklasse

Dass die Stewardessen von Singapore Airlines auch nach einem Zwölfstundenflug derart frisch aussehen, als tänzelten sie gerade aus einem Spa, hat gewiss damit zu tun, dass ihre Fluggesellschaft regelmäßig Preise abräumt. Bestnoten für Kulinarik, Komfort, Entertainment, Freundlichkeit und Aufmerksamkeit sind selbstverständlich. In einem Siegerteam zu arbeiten, beflügelt offenbar. Jedenfalls wurde Singapore Airlines kürzlich bei den Skytrax World Airline Awards abermals ausgezeichnet, und zwar als „World’s Best Airline“ sowie als „World’s Best Economy Class“. Befragt wurden Passagiere weltweit zu über 300 Airlines. In der Economy-Class-Kategorie – deren Top Five keine einzige europäische Fluggesellschaft erreicht hat – folgt Cathay Pacific auf Platz zwei, dann kommen Qatar Airways, EVA Air und ANA. Dass deutsche Fluggesellschaften in der Economy nicht zur Weltklasse zählen, wundert einen nicht: Bei Lufthansa müssen sich Passagiere, die größer als einen Meter siebzig sind, in den eng bestuhlten Reihen regelrecht zusammenfalten. Fragmentierung wird als Individualisierung verkauft Nach einem Langstreckenflug hievt man seinen verspannten Körper schließlich aus dem Sitz. Der Nacken ist steif, und der Kopf lässt sich nur noch in einem winzigen Radius bewegen. Im Flugzeug ist jeder Zentimeter mehr Platz ein Segen. Als 1970 die erste Boeing 747 der Lufthansa, unverwechselbar durch ihr elegantes Upper Deck, von Frankfurt nach New York flog, gab es 32 Sitze in der First Class und 333 in der Economy Class. Für Unterhaltung sorgte ein Bordkino, und im Oberdeck konnte man entspannt einen Drink in der Lounge nehmen. Aus dieser Zweiklassengesellschaft ist eine Vierklassengesellschaft geworden: Economy, Premium Economy, Business Class, First Class. Lufthansa preist dies als „größere Auswahl an individuell wählbaren Produktbestandteilen“. Die Fragmentierung wird als Individualisierung vermarktet und mit Preisetiketten versehen. Ein Platz am Notausgang mit großzügiger Beinfreiheit? Kostet extra! Innerhalb der Economy Class kann man zwischen verschiedenen Tarifklassen wählen: Basic, Light, Comfort, Comfort Green und Flex. Natürlich hat auch Singapore Airlines ein ausgeklügeltes Preissystem – und dennoch scheinen asiatische Spitzenairlines ihren Passagieren in der „Holzklasse“ zu vermitteln, dass sie wichtige Kunden sind. Auch jene, die am wenigsten bezahlen, spüren noch den Glanz der Marke. Bei europäischen Fluggesellschaften hat man hingegen den Eindruck, Komfort sei vor allem eine Gelegenheit zum Aufpreis.