Nachdem das Raunheimer Stadtparlament am 21. Mai mit den Stimmen der Fraktionen von Wir sind Raunheim (WsR), CDU, Grünen und „Union für Miteinander und multikulturellen Austausch“ (UMMA) einen Abwahlantrag beschlossen hat, muss sich Bürgermeister David Rendel (SPD) am 27. September einem Bürgerentscheid stellen. Während sich die SPD sehr zurückhaltend verhält, haben einige Mitglieder eine „Bürgerinitiative für Raunheim“ gegründet, die sich gegen Rendels Abwahl ausspricht. Die Argumente zwischen Befürwortern und Gegnern Rendels werden vor allem in den sozialen Netzwerken ausgetauscht. Auch der Bürgermeister meldet sich inzwischen dort auffallend oft zu Wort. Denn Rendel will Bürgermeister bleiben, was er fast täglich mitteilt. Mit Videoclips weist er in den sozialen Netzwerken auf seine bisherige Arbeit hin. Die positive Entwicklung der Stadt, den Schuldenabbau von 148,6 auf 117,2 Millionen Euro, neue Kitaplätze, die Umgestaltung des Bahnhofs und vieles mehr habe er in seiner Amtszeit erreicht. Damit habe er die erfolgreiche Arbeit seines gestorbenen Vorgängers Thomas Jühe (SPD) fortgeführt. Den Fraktionen von WsR, CDU, Grünen und UMMA wirft der Bürgermeister vor, sie würden ihre nach der Kommunalwahl erworbene Mehrheit dazu zu nutzen, ihn abzuwählen, um selbst einen Bürgermeister zu stellen. Der Vorsitzende der WsR-Fraktion, die mit knapp 41 Prozent der Stimmen bei der Kommunalwahl die stärkste Kraft in der Stadtverordnetenversammlung wurde, war 2023 ebenfalls zur Bürgermeisterwahl angetreten. Mohammed Ghazi war damals SPD-Mitglied, konnte sich aber innerparteilich nicht mit seiner Bewerbung durchsetzen und trat als unabhängiger Kandidat an. Rendel erzielte damals mit 55,12 Prozent im ersten Wahlgang eine deutliche Mehrheit, Ghazi kam auf 28,3 Prozent der Stimmen. Die Mehrheitsfraktionen kritisieren vor allem Rendels Verhalten wegen der von seinem Vorgänger veranlassten Provisionszahlungen an einen städtischen Amtsleiter. Den von ihnen beschlossenen Anträgen zur Rückforderung von mehr als zwei Millionen Euro hat Rendel mehrfach widersprochen. Das Verhalten Rendels habe das Vertrauen zwischen dem Bürgermeister und dem Parlament nachhaltig zerstört, hieß es im Abwahlantrag. Die SPD ist gegenüber ihrem früheren Parteivorsitzenden offenbar gespalten. Viele Genossen geben dem Bürgermeister die Schuld am Absturz der Raunheimer Sozialdemokraten von früher rund 48 Prozent auf 28,2 Prozent. Die Parteimitglieder hätten sich zudem gewünscht, dass Rendel seine Ablehnung der Parlamentsbeschlüsse früher in der Öffentlichkeit begründet hätte. SPD-Mitglieder gründen Bürgerinitiative für Rendel Andere, wie die SPD-Stadtverordnete Sabine Michel und Stadträtin Dorothee Herberich (SPD), wollen Rendel als Bürgermeister behalten. Sie haben die Gründung der Bürgerinitiative maßgeblich mitinitiiert. Im Gespräch mit dieser Zeitung begründeten Vorstandsmitglieder der Bürgerinitiative um den Vorsitzenden Jürgen Michel ihre Haltung. Mit Infoveranstaltungen, Hausbesuchen und Plakataktionen wollen sie für Rendel werben. „Wir wollen, dass David bleibt“, sagt Herberich. Zugleich heben die Vorstandsmitglieder hervor, dass die Bürgerinitiative nicht gleichzusetzen sei mit der SPD. Auch wenn sie maßgeblich aus SPD-Mitgliedern bestehe, sei sie offen für alle. Inzwischen seien auch Raunheimer ohne kommunalpolitisches Engagement Mitglied geworden. Die Resonanz sei positiv, sagen die Vorstandsmitglieder. Vorsitzender Jürgen Michel hofft am Ende auf eine Mehrheit gegen Rendels Abwahl, sieht aber auch die Schwierigkeiten. In Raunheim mit einem Migrantenanteil von mehr als 70 Prozent werde auch in Moscheen Stimmung gegen den Bürgermeister gemacht, sagt er. Die Mitglieder der Bürgerinitiative beklagen Halbwahrheiten, die über die sozialen Netzwerke verbreitet würden. „Der Ruf ist dort schnell ruiniert.“ Bei den Auseinandersetzungen stünden die Provisionszahlungen an einen städtischen Mitarbeiter gar nicht im Vordergrund. „Da will einer Bürgermeister werden, der 2023 gegen Rendel verloren hat“, vermuten die Vorstandsmitglieder die Beweggründe für den Abwahlantrag. Die neue Mehrheit solle sich noch zweieinhalb Jahre gedulden, bis Rendels reguläre Amtszeit abgelaufen sei. Dann könne sie ihn mit einem eigenen Kandidaten herausfordern. Unterstützung hat Rendel zudem von unerwarteter Seite bekommen. Der Rüsselsheimer CDU-Oberbürgermeister Patrick Burghardt hat sich ebenso wie der Kelsterbacher Bürgermeister Manfred Ockel (SPD) öffentlich gegen eine Abwahl Rendels ausgesprochen. Eine Abwahl innerhalb der laufenden Amtszeit sei nur bei groben Verfehlungen eines Bürgermeisters gerechtfertigt, argumentierten sie. Das schlechte Abschneiden bei der jüngsten Kommunalwahl lasten sie nicht dem Bürgermeister, sondern vor allem der Politik der SPD im Bund an. Die vier Mehrheitsfraktionen hatten inzwischen eine Informationsveranstaltung zur Abwahl organisiert, die gut besucht war. Sie sind zuversichtlich, dass Rendels Abwahl gelingen werde. In diesem Fall müssten die Raunheimer einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin wählen. Es gilt als sicher, dass Ghazi wieder antreten würde – auch wenn das offiziell nicht bestätigt ist.
