Eine Gruppe Bankräuber flieht mit dem Hubschrauber durch die Häuserfluchten von New York. Plötzlich reißt es den Helikopter kraftvoll zurück. Er landet in einem riesigen Spinnennetz. Erst als die Kamera herauszoomt, zeigt sich: Das Netz spannt sich zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers. Die Szene war als Teaser für Sam Raimis „Spider-Man“ gedacht, der 2002 in die Kinos kam. Nach den Anschlägen vom 11. September zog Sony Pictures die Vorschau zurück. Auch im fertigen Film taucht die Szene nicht auf. Heute findet man sie auf Youtube. Mit den Bildern der Geschehnisse noch frisch im kollektiven Gedächtnis, standen viele Film- und Fernsehproduzenten damals vor einem praktischen wie moralischen Problem. Produktionen waren fast abgeschlossen, Bilder gedreht oder animiert, die plötzlich anstößig oder retraumatisierend wirken konnten. Zugleich fehlte mit den Zwillingstürmen schlagartig ein beliebter Drehort. So wich beispielsweise das Finale von „Men in Black II“ auf die Freiheitsstatue als Drehort aus. Jackie Chans Projekt „Nosebleed“, bei dem er einen Fensterputzer an den Türmen spielen sollte, der einen Anschlag verhindert, wurde sogar vollständig eingestellt. Auch bei schon produziertem Material kam es zu spontanen Anpassungen. In Ben Stillers „Zoolander“ entfernten die Macher das World Trade Center wenige Tage vor Kinostart digital aus allen New-York-Ausnahmen. Die Sitcom „Friends“ strich einen Handlungsstrang, in dem eine der Figuren einen Bombenwitz am New Yorker Flughafen macht. Auch Disney griff ein und zeichnete eine komplette Szene des Films „Lilo & Stitch“ neu: Aus einem Flug mit gekapertem Passagierflugzeug, das durch eine Großstadt flog, wurde ein Raumschiff über einer hawaiianischen Berglandschaft. Viele der geschnittenen Szenen wurden im Nachhinein von den Produktionsfirmen veröffentlicht und eingeordnet. Bilder wie aus der Fiktion Der Amerikanist und Medienwissenschaftler Felix Brinker von der Leibniz-Universität Hannover erklärt diese Reaktionen mit der besonderen medialen Präsenz der Anschläge. Die Bilder der in die Twin Towers rasenden Flugzeuge, der einstürzenden Türme und der Staubwolken über Manhattan liefen in Endlosschleife. Produzenten hätten deshalb befürchten müssen, mit ähnlichen Motiven pietätlos oder ausbeuterisch zu wirken. Hinzu kam eine seltsame Verkehrung: Die Fernsehbilder wirkten wie aus einem Film und kaum zu fassen. „Man hatte den Eindruck, dass hier etwas in die Realität einbricht, was vorher sicher im Raum der Fiktion zu verorten war“, sagt Brinker. Eine flächendeckende Vermeidung solcher Inhalte leitet er daraus jedoch nicht ab. Hollywood schneide Szenen regelmäßig heraus, schreibe sie um oder gebe Projekte auf. Nach den Terroranschlägen von 9/11 hätten diese normalen Produktionsentscheidungen jedoch eine besondere moralische Aufladung bekommen. Auch wurde nicht jede Produktion mit Terrorbezug überarbeitet. So kam beispielsweise „Der Anschlag“ mit Ben Affleck 2002 ins Kino, obwohl der Film von einem Nuklearangriff auf Baltimore handelt. Die Premiere der Serie „24“ verschob sich zwar, doch die erste Staffel blieb aber so weit unverändert. „Diese Themen wurden nicht einfach vermieden“, ordnet es Brinker ein. Als die unmittelbare Schockstarre nachließ, fanden sie umso häufiger Eingang in die Unterhaltung. Brinker verweist auf den von dem US-Kommunikationswissenschaftler Roger Stahl geprägten Begriff „Militainment“. Serien wie „Homeland“ spiegeln einen Zeitgeist, in dem die Terrorabwehr, Geheimdienste und militärische Aktionen zu zentralen Motiven wurden. Auch die Bildsprache des 11. Septembers blieb in Umlauf und funktionierte mehr und mehr als dramaturgisches Mittel. „Solche Verweise wirken wie eine erzählerische Abkürzung“, sagt Brinker. Eingestürzte Hochhäuser, Angriffe auf amerikanische Großstädte, Rauchwolken über der Skyline: Solche Motive kannte das Kino zwar schon vor 2001. 25 Jahre später sind die Bilder nicht verschwunden. Fiktion und Militainment schreiben sie bis heute fort. Diese Bildsprache wirkt, so Brinker, „gerade weil sie das Echo der Fernsehbilder vom 11. September mit sich trägt“.
