Das Unvermeidliche ließ sich lange hinauszögern, sehr lange sogar, und es war mitunter quälend, dabei zuzusehen am Sonntagnachmittag im Stadion von East Rutherford. In der ersten Minute der zweiten Hälfte der Verlängerung aber passierte das, was dieses Weltmeisterschaftsfinale entschied. Nach einer Flanke von Pedro Porro legte der eingewechselte Nico Williams den Ball zurück auf den ebenfalls eingewechselten Ferran Torres, und der spanische Angreifer schaffte das, woran sein Team vorher schier verzweifelt war. Es war der Treffer, der den Europameister Spanien auch zum Weltmeister machte, zum zweiten Mal nach 2010, und selten konnte man sagen, dass ein Sieg verdienter war. In diesem Moment gingen neun argentinische Spieler im eigenen Strafraum zu Boden, ganz vorne an der Mittellinie stand noch ein einsamer anderer, Lionel Messi, aber auch er wird in diesem Moment gewusst haben: Das war es. Es war nicht sein Spiel, so wenig sogar wie es das des Weltmeisters insgesamt. Dreieinhalb Jahre nach dem wohl besten Finale der WM-Geschichte wurde dieses zu einem der einseitigsten – und zu einer zähen Angelegenheit, was an den Argentiniern lag. Ob es die fehlende Kraft war nach dem aufreibenden Halbfinale am Mittwoch gegen England oder die spanische Strategie der Ermüdung durch Ballbesitz: Das Team von Lionel Scaloni lief nur hinterher. Auch die Rechnung mit Messi ging diesmal nicht auf. Diesmal wirkte es wirklich, als spielte Argentinien in Unterzahl. Selbst mit Ball war Messi diesmal kein Faktor. In 90 Minuten erspielte sich der Weltmeister keine einzige Torchance, sodass nicht einmal ein Lucky Punch im Bereich des Möglichen lag. 15:0 Versuche auf das Tor standen für Spanien nach der regulären Spielzeit zu Buche. Die Verlängerung spielte Argentinien, das nach 70 Minuten sein Wechselkontingent ausgeschöpft hatte, dann auch tatsächlich in Unterzahl. In der Nachspielzeit hatte Enzo Fernández nach einem rüden Einsteigen gegen Pau Cubarsi die Gelb-Rote Karte gesehen. Spaniens Machtdemonstration Aber auch so war das Spanien des Trainers Luis de la Fuente das in allen Belangen überlegene Team, das diese Weltmeisterschaft zu einer Machtdemonstration gemacht hat: Nur ein Gegentor und kein einziges Mal in Rückstand geraten – das sagt alles über die Qualität dieser Generation. Und es brauchte dazu auch im Finale keinen herausragenden Lamine Yamal, weshalb nach diesem Finale zwar der Weltmeister entthront ist, aber der Generationenwechsel von Messi zu Yamal eher am Rande vollzogen wurde – wenn der 19 Jahre alte Spanier die Erwartungen an ihn künftig erfüllt. Kylian Mbappé bleibt mit dem Treffer, den er am Samstag beim 4:6 der Franzosen gegen England erzielt hatte, somit der WM-Rekordtorschütze, bei 22 steht er und hat noch das eine oder andere Turnier vor sich. Messi wiederum geht mit 21 Treffern in die WM-Geschichte ein. Eine „Remontada“, eine Aufholjagd, wie sie bei dieser WM so oft die Spezialität der Argentinier war, blieb in diesem 104. Spiel des Turniers, das US-Präsident Donald Trump und Gianni Infantino, der Präsident des Internationalen Fußballverbandes (FIFA), Seite an Seite verfolgten, aus. Vor Anpfiff schien noch nicht ausgemacht, wer im Duell zweier Ideen wem unangenehmer sein würde: Die Spanier den Argentiniern, mit ihrer Fähigkeit, sich durch Ballbesitz jedem auch physischen Zugriff zu entziehen, oder doch umgekehrt die Argentinier den Spaniern, mit ihrer kompromisslosen Körperlichkeit. Spanien in der ersten Hälfte noch zu ungefährlich Der Auftakt war dann schon eine Kostprobe spanischer Referenzklasse, wenn auch noch nicht mit letzter Konsequenz – aber mit beeindruckender Sicherheit. De la Fuente hatte nach dem 2:0 gegen Frankreich keinen Anlass für Veränderung gesehen. In Erscheinung traten neben Rodri, dem Übervater des spanischen Spiels, auch Dani Olmo und Oyarzabal. Nach fünf Minuten legte Olmo den Ball für Yamal auf, der stand in kurzer Distanz halbrechts frei vor Martínez, schloss aber nicht gut ab – das hätte er schon sein können, der große Moment, auf den alle bei ihm warten. Die Argentinier taten sich schwer. Gegen England hatten sie sich dem Pressing noch mit kühlem Selbstbewusstsein entzogen, doch gegen die Spanier gelang das nicht so gut. Scaloni hatte sein Team gleich auf drei Positionen verändert, González für Paredes, Montiel für Molina und de Paul für Simeone standen in der Startelf. Doch schon früh landeten auf der linken Seite zwei Pässe im Seitenaus. Der Offensivplan schien ohnehin eher darin zu bestehen, ausgewählte Pressinggelegenheiten zu ergreifen. Doch auch das wurde bald wieder von spanischer Dominanz erstickt. Das Einzige, was sich die Spanier vor der Pause vorwerfen mussten, war, dass sie aus der Überlegenheit nicht genug konkrete Gefahr entwickelten. Zwei Schüsse von knapp außerhalb des Strafraums, von Oyarzabal und Cucurella, waren die größtmögliche Annäherung. Rote Karte für Paredes nach Abpfiff Kurz vor der Pause musste Scaloni schon das erste Mal wechseln, Otamendi ersetzte den verletzten Lisandro Martínez in der Innenverteidigung. Die Halbzeitshow dann tauchte das Stadion in Bonbonfarben und ein bisschen Popcornknistern, aber schöner wurde es für Argentinien nicht, als es nach rund 27 Minuten weiterging, im Gegenteil. Es kam eine Phase, in der die Spanier sogar das perfekte Gefühl für Raum und Zeit zu entwickeln schienen, zuerst bei einer Kombination über Olmo und Oyarzabal, die bei Fabián endete, kurz darauf musste Montiel in höchster Not vor Cucurella klären, wieder hatte Olmo vorbereitet. Aber es fehlte weiterhin: das Tor. Es ging inzwischen ein bisschen hitziger zu, aber der slowenische Schiedsrichter Slavko Vinčić hatte die Lage weitgehend im Griff. Nach gut einer Stunde wechselte Spanien zum ersten Mal, Torres und Pedri kamen für Oyarzabal und Fabián. Scaloni hatte zehn Minuten später sein Kontingent schon komplett ausgeschöpft. Natürlich musste de la Fuentes Team nun ein Interesse haben, die Sache in der regulären Spielzeit zu regeln, durch einen Schuss von Cubarsi und Kopfbälle von Torres und Laporte näherten sie sich an. In gewisser Weise wäre dann die letzte Aktion die passende Pointe gewesen, als Lamine Yamal aus zentraler Position einen Freistoß wuchtig aufs Tor brachte, doch noch einmal hatte Emiliano Martínez etwas dagegen. In der 96. Minute lag der Ball dann wirklich im Tor, nach einem Schuss von Nico Williams, der in der 75. Minute eingewechselt worden war, aber Schiedsrichter Vinčić hatte abgepfiffen. Als Mikel Merino in der 103. Minute eine Kopfballchance vergab, schienen die argentinischen Fans noch auf eine Art zweites Spiel zu hoffen, das sie, irgendwie, in das Elfmeterschießen bringen würde. Tatsächlich hatten sie nach Torres' Treffer sogar noch zwei gute Gelegenheiten, aber diese Pointe blieb den Spaniern erspart. Nach dem Schlusspfiff wurde es, ein weiteres Mal, hitzig. Leandro Paredes, der schon während der Partie Gelb gesehen hatte, stieß in einem Handgemenge einen spanischen Spieler zu Boden und sah Rot. Danach blieb den Argentiniern nur noch der bittere Blick auf das Siegerpodest, wo das spanische Team den goldenen WM-Pokal entgegennehmen – und lauthals jubeln durfte.
